Neue Tellower Erklärung – 2. Erklärung von Tellow

Gutsanlagen im Ostseeraum – ein gemeinsames europäisches Erbe

Gutsanlagen sind über Jahrhunderte gewachsene Zeugen der Entwicklung in den ländlichen Regionen des Ostseeraumes der Länder Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Polen, Russland und Schweden. Die Erhaltung dieser einmaligen europäischen Kulturlandschaft erfordert ein gemeinsames Handeln vor Ort und in der jeweiligen Region sowie landesweit und länderübergreifend. Die Zusammenführung aller Kräfte und Ressourcen ist angesichts der Osterweiterung der Europäischen Union, der sich abzeichnenden Veränderungen in der Landwirtschaft und der künftig begrenzt verfügbaren Mittel dringend geboten.

Länderübergreifende Gemeinsamkeiten und Probleme erfordern länderübergreifende Strategien und länderübergreifendes Handeln.

Am 9. Oktober 2004 berieten die Vertreter von Organisationen aus mehreren Nationen im Rahmen eines internationalen Symposiums in Tellow die Ergebnisse der am 24. September 1994 unterzeichneten „Tellower Erklärung“ und verständigten sich auf eine „Neue Tellower Erklärung“. Darin bekräftigten sie ihre Absicht, in enger Kooperation die nachfolgenden Schwerpunkte umzusetzen:

1. Bündelung der Kräfte

Um das Gesamtbild des baulichen Kulturerbes in seiner historisch gewachsenen Umgebung zu erhalten bzw. wieder herzustellen, bedürfen vor Ort wirkende Akteure der zuverlässigen Unterstützung mit Rat und Tat. Dazu ist die Zusammenarbeit zwischen Vereinen, Verbänden, Stiftungen und weiteren Initiativen untereinander sowie mit den Behörden auf allen Ebenen zu entwickeln.

2. Öffentlichkeitsarbeit

Eine wesentliche Voraussetzung für sichtbare Erfolge ist die Mobilisierung der Öffentlichkeit. Den Bürgern und besonders den Entscheidungsträgern gilt es, die Erhaltung und Nutzung der Gutsanlagen in der historisch gewachsenen Kulturlandschaft als gesellschaftlich notwendige Aufgabe bewusst zu machen. Dabei fällt den regionalen und überregionalen Medien eine besondere Rolle als Multiplikatoren zu. National und international soll der Wert der Gutsanlagen durch eine wirksamere Öffentlichkeitsarbeit u.a. auch über das Internet stärker bekannt gemacht werden.

3. Raumordnungs- und Regionalentwicklung

In den Raumordnungsplänen sowie in den Regionalentwicklungskonzepten wird das kulturhistorische und touristische Potenzial der Gutsanlagen – einschließlich ihres gesamten Umfeldes mit den einzelnen Kulturlandschaftselementen wie Parks, Gärten, Dorfkirchen etc. – bisher noch zu wenig beachtet. Angesichts der Fülle der Aufgaben sind Kriterien zu entwickeln und Prioritäten zu setzen. Schwerpunkt ist dabei die Erhaltung der Gutsanlagen in ihrer Ganzheit.

4. Landwirtschaftliche Nutzung der Gutsanlagen

Die Fortsetzung bzw. Wiederherstellung einer agrarischen Nutzung der Bausubstanz verdient unter dem Gesichtspunkt des Ensembleschutzes den Vorrang. Wo es möglich ist, sollte eine Zusammenführung der Gutsanlagen mit den umliegenden Flächen wieder angestrebt werden. Eine getrennte Vermarktung von Gebäuden und landwirtschaftlichen Flächen sollte möglichst vermieden werden. Das gilt besonders für herausragend gestaltete Wirtschaftsanlagen.

5. Neue Nutzungskonzepte für die Anlagen

Neben der ursprünglich landwirtschaftlichen Funktion der Objekte auf dem Gutshof ist eine breite Palette weiterer und integrativer Nutzungsmöglichkeiten – beispielsweise für kulturelle, gewerbliche und touristische Zwecke – zu erschließen, zielstrebig umzusetzen und deren öffentlichkeitswirksame Vermarktung zu unterstützen. Grundsätzlich sind dabei Anwendungsmöglichkeiten erneuerbarer Energien zu prüfen und zu fördern.

6. Museale Nutzung historischer Gutsanlagen

In ausgewählten Gutsanlagen wird – unter Einbeziehung der zum Gutsdorf gehörenden Bereiche, wie Landarbeiterwohnungen – die Einrichtung von Freilichtmuseen als attraktive Bildungseinrichtungen über die Geschichte der ländlichen Räume im Ostseeraum angeregt. Diese sollten die Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Kultur aufzeigen und länderübergreifende Publikationen herausgeben.

7. Schaffung einer Denkmalwacht

Nach dem Vorbild der niederländischen Monumentenwacht sollte über die Schaffung ähnlicher Einrichtungen nachgedacht werden. Diese hätten die Aufgabe, als unabhängige Institutionen sachkundige Hinweise für Sicherungsmaßnahmen durch Eigentümer und Verantwortungsträger abzuleiten, praktische Hilfen durch Kleinstreparaturen anzubieten und neue Nutzungen zu begleiten. Eine solche Unterstützung sollte nicht davon abhängig sein, ob Objekte auf der Denkmalliste stehen.

8. Verhinderung von Abriss

Der weitere Abriss historischer Bausubstanz von Gutsanlagen ist nach Möglichkeit zu verhindern. Das gilt insbesondere für Wirtschaftsgebäude, die wegen des Verlustes ihrer agrarischen Funktion einer stark zunehmenden Abrissgefahr ausgesetzt sind. Dieses Anliegen muss verstärkt auch den Entscheidungsträgern vermittelt werden. Dazu gehört die Einsicht, dass einzelne Objekte in bestimmten Ausnahmefällen selbst als Ruine ihre Daseinsberechtigung haben.

9. Kooperation im Ostseeraum

Zum Schutz des gemeinsamen Kulturerbes „Gutsanlagen in den Ländern des Ostseeraumes“ ist eine schnellstmögliche und langfristig ausgerichtete Vernetzung erforderlich, die folgende Zielsetzungen hat:

  • Zusammenarbeit von Bürgern, Vereinen und Institutionen, die sich für den Erhalt der Gutsanlagen einsetzen. Dazu gehören die Erfassung in Datenbanken, die Suche nach tragfähigen Nutzungen und deren Finanzierung sowie der regelmäßige Erfahrungsaustausch.
  • Bildung eines „Rates für Gutsanlagen im Ostseeraum“ mit alternierendem Vorsitz in den beteiligten Ländern mit dem Ziel, eine effektive Zusammenarbeit der Akteure unter Nutzung moderner Kommunikationsmittel zu fördern.
  • Umsetzung von grenzübergreifenden Förderprogrammen der Europäischen Union, wie INTERREG, KULTUR 2000, LEADER, BALTIC 21 etc.
  • Erarbeitung von gemeinsamen Projekten im Rahmen der Tourismusförderung der Europäischen Union. So wäre eine „Ostseestraße der Gutsanlagen“ zu begrüßen, die – vergleichbar mit bereits bewährten Beispielen, wie die „Straße der Backsteingotik“ – erheblich zu einer touristischen Belebung der ländlichen Räume beitragen könnte.
  • Kooperationen unter thematischem Aspekt, beispielsweise: Schwedische Anlagen im Ostseeraum, Agrarreformer auf Gütern, „Perlen“ der Gutskultur etc.
  • Aufnahme als Weltkulturerbe der UNESCO bzw. in neu zu schaffende nationale Kulturerbelisten.
  • Stiftung eines Preises für herausragende Leistungen bei der Erhaltung und Nutzung von Gutsanlagen im Ostseeraum.
  • Schaffung qualifizierter Arbeitsplätze für die Erforschung, Erhaltung und Vermarktung des europäischen Kulturerbes „Gutsanlagen“.

10. Die junge Generation und Gutsanlagen

Die Verbindung der Jugend mit dem Kulturerbe „Gutsanlagen“ ist aktiv durch eine breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit zu fördern, insbesondere durch:

  • Übernahme von Verantwortung und Patenschaften für ausgewählte Projekte – verbunden mit einer nachfolgenden Unterstützung dieser Initiativen.
  • Einbeziehung als Thema im Schulunterricht, in der betreuten Freizeit (Ganztagsschulen) und in der Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaften.
  • Aufnahme der Thematik „Gutsanlagen als kulturelles Erbe im Ostseeraum“ in die Lehrpläne an den Bildungseinrichtungen.
  • Länderübergreifende Zusammenarbeit von Jugendlichen an gemeinsamen Projekten in einzelnen Ländern.
  • Anerkennung derartiger Tätigkeiten im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres.

11. Rolle der Wissenschaften

Bei der Lehre und Forschung zum Kulturerbe der Gutsanlagen sind die agrar-, umwelt-, ingenieur-, wirtschafts- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen besonders gefordert. Dabei geht es insbesondere um:

  • Förderung wissenschaftlicher Arbeiten von Studenten und jungen Wissenschaftlern an Hochschulen und Universitäten.
  • Zusammenarbeit von wissenschaftlichen Einrichtungen mit der Praxis im ländlichen Raum in der gewerblichen Wirtschaft und Landwirtschaft sowohl auf Landesebene als auch länderübergreifend.
  • Erarbeitung von Publikationen zu den verschiedenen Aspekten dieser Thematik.

Die„Neue Tellower Erklärung“ hat das Ziel, durch länderübergreifende Zusammenarbeit die Erhaltung und Nutzung des europäischen Kulturerbes „Gutsanlagen im Ostseeraum“ unter programmatischer Sicht und durch Bündelung aller Kräfte nachhaltig zu sichern. Grundlage für die zukünftige Arbeit – besonders auch für länderübergreifende Projekte – sind die bisher gesammelten Erfahrungen, bereits vorhandene Nutzungs- und Marketingkonzepte sowie tragfähige Ideen aus den einzelnen Regionen des Ostseeraumes. Diese Erklärung versteht sich als langfristig angelegte Strategie; sie bedarf der ständigen Aktualisierung.

unterzeichnet von den Teilnehmern des Symposiums „Bewahrung der Gutsanlagen als europäisches Kulturerbe – Chancen und Aufgaben für die Zukunft“ am 9. Oktober 2004 auf dem Thünengut Tellow

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